{"id":13529,"date":"2026-04-30T09:00:00","date_gmt":"2026-04-30T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/?p=13529"},"modified":"2026-04-30T10:50:29","modified_gmt":"2026-04-30T08:50:29","slug":"sie-schauen-uns-an-wie-ein-schwarz-weiss-foto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/index.php\/sie-schauen-uns-an-wie-ein-schwarz-weiss-foto\/","title":{"rendered":"\u201eSie schauen uns an wie ein Schwarz-Wei\u00df-Foto\u201c"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group has-medium-font-size\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p><em>Ein Feature von Aimon-Silaskaja Beetz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Thema Antisemitismus schafft es regelm\u00e4\u00dfig ins \u00f6ffentliche Bewusstsein. J\u00fcdisches Leben hingegen findet selten in der \u00d6ffentlichkeit statt. Auch j\u00fcdische Studierende an der RUB sind weitgehend unsichtbar \u2013 das muss aber nicht so bleiben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen zwei Vorlesungen steht eine Gruppe Studierender vor dem Geb\u00e4ude. Einige rauchen, andere essen etwas, es wird geredet und gelacht. Ein Handy klingelt. Einer der Studenten greift danach, schaut auf den Bildschirm, runzelt die Stirn. Er geht einen Schritt zur Seite, nimmt den Anruf an. Sein Gesicht hellt sich auf, und als er sich weiter von der Gruppe entfernt, sagt er fr\u00f6hlich: \u201eShalom, Rabbi!\u201c. Noch w\u00e4hrend er diese Worte spricht, zieht sich in ihm alles zusammen. Er merkt die verwirrten Blicke in seinem R\u00fccken, hinter ihm scheint sich eine ohrenbet\u00e4ubende Stille auszubreiten. Sie \u00fcbert\u00f6nt die Stimme aus dem Telefon, schlingt sich um seinen Hals, dr\u00fcckt ihm die Luft aus der Lunge. Wie konnte er nur so unvorsichtig sein?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Antisemitismus ist mehr als Gewalt<\/h4>\n\n\n<div class=\"wp-block-image ticss-5184ae20\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"995\" src=\"https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Rucksack-1024x995.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13530\" style=\"aspect-ratio:1.0291509191303738;width:359px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Rucksack-1024x995.jpg 1024w, https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Rucksack-300x291.jpg 300w, https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Rucksack-768x746.jpg 768w, https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Rucksack.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gebetsbuch, Kippa und Davidstern bleiben im Rucksack | Foto: Aimon-Silaskaja Beetz<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\u201eBisher hat mich gl\u00fccklicherweise niemand k\u00f6rperlich wegen meines J\u00fcdischseins angegriffen. Aber Antisemitismus erlebe ich jeden Tag\u201c, erz\u00e4hlt der Student, der im Folgenden Ilan hei\u00dfen soll. Wie alle f\u00fcr diesen Text Interviewten m\u00f6chte er anonym bleiben. Bundesweit z\u00e4hlte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus e.V. (<a href=\"https:\/\/report-antisemitism.de\/\">RIAS<\/a>) zuletzt durchschnittlich <a href=\"https:\/\/report-antisemitism.de\/documents\/04-06-25_RIAS_Bund_Jahresbericht_2024.pdf\">24 antisemitische Vorf\u00e4lle pro Tag<\/a>. An der RUB berichten Studierende vor allem von antisemitischen Graffiti und Stickern sowie verbalen Anfeindungen. Doch offene Feindseligkeiten machen nur einen Bruchteil der Erfahrungen j\u00fcdischer Studierender aus. \u201eAntisemitismus sind vor allem Stereotype, Unwissen oder Vorurteile im Alltag, das ist nicht zwingend b\u00f6se gemeint\u201c, erkl\u00e4rt Miriam, die an der RUB zu j\u00fcdischer Geschichte forscht. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten Menschen kaum Ber\u00fchrungspunkte mit dem Judentum haben. Vortr\u00e4ge und Bildungsangebote beziehen sich meist auf Antisemitismus oder j\u00fcdische Geschichte. Das zeitgen\u00f6ssische Judentum ist f\u00fcr viele ein mystischer Nebel, den sie aus sicherer Entfernung mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen beobachten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ein freundliches Einhorn<\/h4>\n\n\n<div class=\"wp-block-image ticss-77af7f37\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"721\" src=\"https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bingo-1024x721.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-13532\" style=\"aspect-ratio:1.4202614855365872;width:614px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bingo-1024x721.png 1024w, https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bingo-300x211.png 300w, https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bingo-768x540.png 768w, https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bingo.png 1134w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die meisten Reaktionen auf ein Outing sind nicht b\u00f6se gemeint | Grafik: Aimon-Silaskaja Beetz<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Sich als j\u00fcdisch erkennen zu geben, so beschreibt es die Medizinstudentin Lea, f\u00fchlt sich an, als w\u00e4re sie ein Einhorn, das aus diesem Nebel hervortritt. Die Wenigsten wollen Einh\u00f6rner jagen, die meisten wollen sie bestaunen, haben aber gleichzeitig Angst, sie zu verscheuchen. Auch Ilan kennt das Gef\u00fchl: \u201eDie Leute schauen ihr ganzes Leben lang auf uns wie auf ein Schwarz-Wei\u00df-Foto und dann merken sie pl\u00f6tzlich: Uns gibt es wirklich.\u201c Viele Menschen sind erst einmal verunsichert, wollen nichts Falsches sagen, reagieren abweisend und distanziert. Nach einer Weile siegt die Neugier, eine unb\u00e4ndige Flut an Fragen durchbricht die Stille. Viele dieser Fragen sind harmlos, stammen aus ehrlichem Interesse an der j\u00fcdischen Kultur und Religion, andere sind taktlos bis \u00fcbergriffig. Trotzdem versuchen sie, alle Fragen geduldig zu beantworten und den Leuten ihre Ber\u00fchrungs\u00e4ngste zu nehmen. \u201eNeugier ist wichtig, um Gespr\u00e4che und Raum zu schaffen, auch um Vorurteile abzubauen\u201c, erkl\u00e4rt Hanna, eine ehemalige Studentin. \u201eEs bringt nichts, wenn alle nur lesen, dass Antisemitismus schlecht ist. Sie m\u00fcssen das auch von Betroffenen h\u00f6ren, damit sie uns verstehen.\u201c Au\u00dferhalb der Gemeinden gibt es nur wenig R\u00e4ume, in denen j\u00fcdische Personen \u201anormal\u2018 genug sind, um diese anstrengende Aufkl\u00e4rungsarbeit nicht st\u00e4ndig leisten zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">R\u00e4ume schaffen und Br\u00fccken bauen<\/h4>\n\n\n<div class=\"wp-block-image ticss-56378605\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"858\" height=\"507\" src=\"https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/GESH-Stand.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13533\" style=\"aspect-ratio:1.6922865628206183;width:428px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/GESH-Stand.jpg 858w, https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/GESH-Stand-300x177.jpg 300w, https:\/\/optio.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/GESH-Stand-768x454.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 858px) 100vw, 858px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">GESH-Stand bei der ju\u0308dischen Campuswoche 2025 | Foto: Aimon-Silaskaja Beetz<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Deshalb hat Hanna mit einigen Freund*innen die <a href=\"https:\/\/linktr.ee\/GeshBochum\">j\u00fcdische Hochschulgruppe GESH<\/a> gegr\u00fcndet. Der Name leitet sich vom hebr\u00e4ischen Wort \u201aGesher\u2018, Br\u00fccke, ab. GESH soll junge J\u00fcd*innen vernetzen, die sich oft in ihren fr\u00fcheren Gemeinden nicht mehr aufgehoben f\u00fchlen, indem sie Begegnungen au\u00dferhalb religi\u00f6ser Anl\u00e4sse erm\u00f6glicht. Au\u00dferdem informieren verschiedene Gemeinden dort \u00fcber ihre Veranstaltungen, sodass die Studierenden auch in andere Gemeinden \u201areinschnuppern\u2018 k\u00f6nnen. Ein Ende der Br\u00fccke f\u00fchrt aber auch in die Gesellschaft. Nichtj\u00fcdische Interessierte k\u00f6nnen \u00fcber GESH einen Einblick in j\u00fcdisches Leben bekommen, an Vortr\u00e4gen oder Workshops teilnehmen und ihre Ber\u00fchrungs\u00e4ngste schrittweise ablegen. Daf\u00fcr veranstaltet GESH seit 2021 regelm\u00e4\u00dfig Aktionen wie die j\u00fcdische Campuswoche, wo sie beim Essen oder Spielen ganz niedrigschwellig Einblicke in die j\u00fcdische Kultur geben \u2013 auch allen, die wirklich gar nichts \u00fcbers Judentum wissen. Inzwischen hat Hanna die Organisation in die H\u00e4nde der n\u00e4chsten Generation Studierender gegeben. Sie engagiert sich trotzdem weiter f\u00fcr politische Bildung:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"font-size:24px\">\u201eEs ist wichtig, dass wir fu\u0308r uns selbst einstehen und laut sind, aber es ist auch wichtig, dass andere Leute fu\u0308r uns laut sind, weil wir alleine schaffen es halt einfach nicht.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-container-core-column-is-layout-a992d517 wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"border-width:12px;padding-top:var(--wp--preset--spacing--60);padding-right:var(--wp--preset--spacing--60);padding-bottom:var(--wp--preset--spacing--60);padding-left:var(--wp--preset--spacing--60);flex-basis:40%\">\n<p><strong>Fragen u\u0308ber Fragen\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/mediendienst-integration.de\/bevoelkerung\/juden-in-deutschland\/juedische-bevoelkerung-in-deutschland\/\">Wie viele Ju\u0308d*innen leben eigentlich in Deutschland?<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/migration-integration\/kurzdossiers\/252561\/juedische-kontingentfluechtlinge-und-russlanddeutsche\/#node-content-title-1\">Und welche Sprachen sprechen sie?<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.jmberlin.de\/frage-des-monats-warum-muessen-die-frauen-die-haare-nach-der-hochzeit-entweder-mit-peruecke-oder-mit-kopftuch\">Tragen Ju\u0308dinnen Kopftuch?<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.lvjg-nrw.de\/das-liberale-judentum\/\">Ist Progressiv eine Religion?<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.an-allem-schuld.de\/juedisches\/thora-tattoo-gebet\">Lust auf ein Quiz?<\/a><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:60%\">\n<p>Wer nicht bis zur n\u00e4chsten Veranstaltung warten, sondern das eigene Wissen u\u0308bers Judentum direkt auffrischen will, kann beispielsweise auf das Projekt \u201eJu\u0308dische Perspektiven sichtbar machen\u201c vom Center for Religious Studies (CERES) zuru\u0308ckgreifen, oder auf eine der Fragen im Kasten Links klicken. Und wenn sich eine Person aus eurem Umfeld als ju\u0308disch outet: cool bleiben. Niemand erwartet, dass ihr perfekt Bescheid wisst \u2013 nur, dass ihr euer Gegenu\u0308ber weiter als Menschen behandelt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Hinweis: Alle im Text genannten Namen wurden zum Schutz der Personen von der Redaktion ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema Antisemitismus schafft es regelm\u00e4\u00dfig ins \u00f6ffentliche Bewusstsein. J\u00fcdisches Leben hingegen findet selten in der \u00d6ffentlichkeit statt. 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