Für mehr Stärke, Selbstbewusstsein und Sicherheit im Alltag – Der Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs für Frauen der RUB

Eine Reportage von Leonie Marie Lempa | Titelbild: Leonie Marie Lempa

Neben der Notfallnummer, dem Begleitschutz und der ganztägigen Präsenz des Sicherheitsdienstes gibt es zahlreiche andere Sicherheitsmaßnahmen und Angebote der Ruhr-Universität Bochum, die zur Sicherheit am Campus beitragen. Bei einem dieser Angebote handelt es sich um den vom Hochschulsport angebotenen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs für Frauen. Hast du noch nie von diesem Angebot gehört? Kennst du den Kurs, bist dir aber noch unsicher, ob du ihn belegen solltest? Hast du Angst vor dem Ablauf, dem Inhalt und dem Unbekannten? Damit bist du nicht allein.

Müde Teilnehmerinnen und muntere Übungsleiter:innen

Als ich mich am Sonntag frühmorgens aus dem Bett quäle, um nach Bochum zu pendeln, weiß ich nicht, was auf mich zukommen wird. Und hätte ich mir nicht in den Kopf gesetzt, einen Bericht über den Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs für Frauen der RUB zu schreiben, dann wäre ich wahrscheinlich auch zuhause geblieben. Sechs Stunden mit unbekannten Frauen in einer fremden Umgebung oder noch ein paar Stunden länger in einer warmen Decke eingekuschelt schlafen. Letzteres klingt in meinem halb verschlafenen Zustand deutlich verlockender, wenn auch nur bis zum Betreten des Übungsraums.

Mit strahlenden Gesichtern und freundlichen Stimmen begrüßen uns die drei Übungsleiter:innen, die im Gegensatz zu uns Teilnehmerinnen wach und munter aussehen. Seit 2019 leitet der 68-jährige Wolfram M. Walter den Kurs, der an zehn bis zwölf Sonntagen im Jahr im Übungsraum Zwei des Unifit angeboten wird. Dabei handelt es sich um das Fitnessstudio, das vom Hochschulsport betrieben wird und von Student:innen und Mitarbeiter:innen der RUB kostenpflichtig genutzt werden kann. Unterstützt wird Übungsleiter Walter von je zwei Mitgliedern des Takemusu Aikido Bochum e.V., in dem Walter Trainer ist. Für den Fall, dass eine der Teilnehmerinnen nicht mit Männern üben will oder kann, ist ein weibliches Mitglied des Vereins anwesend. Diesen personellen Aufwand würde das Team nicht aus finanzieller Absicht betreiben, erklärt Andreas Thehos, der sich die Leitung mit Walter teilt und den Kurs zukünftig übernehmen wird. Vielmehr täten die Vereinsmitglieder es aus dem Glauben heraus, das Richtige zu tun.

Die Mitglieder des Takemusu Aikido Bochum e.V. unter der Leitung von Wolfram M. Walter (oben rechts) und Andreas Thehos (unten rechts). | Foto: Andreas Thehos

Ein sicherer und einfacher Einstieg?

Bild: Heylizart (Pixabay)

Nach der Begrüßung durch die Übungsleiter:innen stellen wir Teilnehmerinnen uns vor. Im Kreis aufgestellt blicken wir uns alle an. Wir unterscheiden uns in unserem Aussehen und Verhalten, der Persönlichkeit, den Interessen und soziokulturellen Merkmalen. Unsere Geburtsjahre liegen manchmal sehr weit auseinander und zwei von uns sprechen lediglich Englisch. Die meisten von uns sind Studentinnen wie ich. Andere sind Mitarbeiterinnen und Alumni der RUB, einige wenige stehen in keiner Beziehung zur Universität. Vielleicht ist es gerade diese weibliche Diversität, die mich sicher und geschützt fühlen lässt.

Auch wenn dieses Gefühl der Sicherheit mich zunächst nicht davor bewahren kann, aus der Komfortzone gerissen zu werden. Aber würdest du dich wohl fühlen? Könntest du von jemandem fordern, den Abstand einzuhalten und deine Aussagen so bedacht formulieren, dass sie eine Provokation und Eskalation vermeiden und gleichzeitig keinen Interpretationsspielraum lassen? Könntest du deine Stimme erheben und im Notfall schreien? Ich kann es nicht. Ich finde es schwierig, meine Gedanken in Worte zu fassen, meine Grenzen zu kommunizieren und laut zu werden. Auch in Situationen, in denen mir jemand unangenehm nahekommt. Zu nah. Bald ist es vorbei, bloß keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Altbekannte Gedanken rasen in meinem Kopf umher, mein Körper ist wie festgefroren. Und nicht nur mir geht es so. Die meisten Teilnehmerinnen fühlen sich zunächst unwohl mit den Übungen, die genau diese übergriffigen Situationen simulieren. Sie brauchen zu lange, um die richtigen Worte zu finden und verhaspeln sich. Sie sind zu leise und ihre Körperhaltung gebückt, fast schon unterwürfig. Gebunden an soziale Normen fallen ihnen, ebenso wie auch mir, all diese Dinge schwer. Und das, obwohl die eben genannten präventiven Verhaltensweisen laut Übungsleiter Walter 99% der Selbstverteidigung ausmachen. Konfrontation hingegen lediglich 1%.

Ausgelassene Stimmung und steigendes Selbstbewusstsein

Andreas Thehos | Foto: Andreas Thehos

Mit dem Voranschreiten des Stundenzeigers wird unsere Haltung immer besser, unsere Stimmen lauter und wir selbstbewusster. In den zahlreichen Pausen unterhalten wir uns ausgelassen miteinander, tauschen Erfahrungen aus, gehen gemeinsam zum Backwerk im Hauptbahnhof Bochum und ich versuche mich sogar auf Englisch zu unterhalten. Ein eher kläglicher Versuch meinerseits, über den ich heute nur noch schmunzelnd den Kopf schütteln kann. Die Stimmung ist ausgelassen, trotz der schwerwiegenden Thematik und vermag es, die Sichtweise der Übungsleiter:innen abzubilden. Denn Andreas Thehos und Wolfram M. Walter wollen uns nicht paranoid machen. Sie wollen uns lediglich dafür sensibilisieren, „die Augen auf zu haben und achtsam zu sein, nicht zu leichtfertig, aber auch nicht zu ängstlich zu sein“, fasst Übungsleiter Thehos zusammen.

Nichtsdestotrotz werden nicht nur präventive Maßnahmen vermittelt. Was kannst du tun, wenn der potentielle Angreifer sich nicht abschrecken lässt? Mehr als du denkst und mehr als ich mir zunächst bewusst gewesen bin. Den Körper beschweren, sich befreien, mit dem Ellbogen stoßen, schlagen, treten. Die Möglichkeiten erscheinen uns unendlich, denn in Notsituationen sei alles erlaubt, sagt Übungsleiter Thehos. Die Übungsleiter:innen vermitteln uns eine Kombination aus Techniken der japanischen Kampfkunst Aikido und effektiven Selbstverteidigungstechniken. Das Erlernte entfaltet bereits während der Durchführung große Wirkung. Wir Teilnehmerinnen werden selbstbewusster, je mehr wir über unsere weibliche Stärke lernen. Stärke, die ich zu Beginn des Kurses nicht in mir gesehen habe, derer ich mir nicht bewusst gewesen bin. Ich habe kaum Muskeln und bin mit meinen 1.66m auch nicht gerade groß. Aber mit jeder Befreiungstechnik, die wir erlernen, jedem Schlag, den wir üben, habe ich das Gefühl, immer kräftiger und größer zu werden. In diesem großen fensterlosen Raum, der mit dreizehn Frauen, drei Übungsleiter:innen und so viel Lachen und Wärme gefüllt ist, habe ich das Gefühl, unbesiegbar zu sein.

Der Übungsraum Zwei im Fitnessstudio
Unifit. | Fotos: Leonie Marie Lempa

Ich fühle mich stark. Ich fühle mich sicher.

Warum du teilnehmen solltest!

In den sechs Stunden habe ich erfahren, dass ich nicht hilflos bin. Neben den rechtlichen Grundlagen zur Notwehr habe ich gelernt, dass wir Frauen mit relativ schnell erlernbaren Techniken eine hohe Wirkung erzielen können. Und das überwiegend nur durch das leichte Drehen und Bewegen meines eigenen Körpers. Werde ich den Kurs in ein paar Monaten nochmal besuchen? Definitiv. Denn die kurze Zeit hat mich noch lange nicht zu einer Meisterin in der Selbstbehauptung und -verteidigung werden lassen. Wie auch viele andere Teilnehmerinnen werde ich den Kurs wiederholen, um die erlernten Techniken aufzufrischen. Auch wenn ich schon jetzt das Gefühl habe, im Moment der Bedrängnis und des Unwohlseins angemessener reagieren zu können als vor meiner Teilnahme.

Ich möchte nie wieder in Schockstarre verfallen und stärker, mutiger und selbstbewusster in meinem Alltag auftreten. Und du?

Du bist interessiert?

Dann buch den Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs doch direkt auf der Website des Hochschulsport Bochums.

Termin: An einem Sonntag, von 10 bis 16 Uhr. Das genaue Datum kannst du der Website entnehmen.

Ort: Im Fitnessstudio Unifit
Massenbergstraße 9-13
44787 Bochum

Kosten:
10€ für Studierende
15€ für Beschäftigte
20€ für Alumni
30€ für Externe

Hinweis: Die Buchung ist lediglich für weibliche Teilnehmerinnen möglich.

Das Fitnessstudio Unifit des Hochschulsports, das von RUB- Angehörigen genutzt werden kann. | Foto: Leonie Marie Lempa

Bei Nachfragen und Anfragen rund um den Kurs kannst du dich über die E-Mail thehos@at-training.de auch direkt an den Übungsleiter Andreas Thehos wenden.

Kennst du schon die anderen Sicherheitsmaßnahmen der RUB?

  • Notfallnummer (+49 234 322 3333)
  • Begleitschutz (+49 234 3227001)
  • Sicherheitsdienst
  • Frauenparkplätze unter dem SSC-Gebäude
  • Antisexismus-Projekt „Unser Campus“
  • Campus-Begehungen
  • Gewaltpräventionskurse der RUB
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60 Jahre Ruhr-Universität Bochum – 48 Jahre Queer*Feministische Bibliothek und Archiv LIESELLE

Ein Feature von Lili Fox | Titelbild (Beklebte Tür der LIESELLE): Lili Fox

Ein kleiner Raum am Ende des gelb-grauen GA-Gebäudes, die Tür geschmückt mit bunten Stickern: Auf den ersten Blick wirkt die LIESELLE wie eine enge, unscheinbare Bibliothek. Doch dieser Ort auf dem Campus der Ruhr-Universität Bochum bewahrt tausende feministische und queere Stimmen – Werke, die sonst vielleicht vergessen worden wären. Hier kommen StudentInnen, Aktivistinnen und Forscherinnen zusammen, um nicht nur archivarisch zu arbeiten, sondern auch politische Diskurse mitzuformen. Das stellt das Archiv jedoch auch vor Herausforderungen: Die Zukunftssicherung, die Digitalisierung und die fortlaufende Anpassung an feministische Diskurse sind zentrale Fragen, die die MitarbeiterInnen beschäftigen.

Eingang der LIESELLE: GA 02/60 (Foto: Lili Fox)

Ein Archiv aus einer Lücke heraus geboren

Es beginnt mit Frust. 1977: Die neue Frauenbewegung ist bereits in vollem Gange und auch in den Gängen der Ruhr-Universität Bochum herrscht Unruhe. Eine Gruppe Geschichtsstudentinnen befasst sich mit einem Seminar zur Hexenverfolgung und erkennt: Die Darstellung ist männlich geprägt, die Perspektiven von Frauen fehlen fast vollständig – und das auch in vielen anderen Bereichen. Aus dieser Lücke heraus gründen die Studentinnen eine Forschungsgruppe, um feministische Perspektiven und Frauengeschichte zu dokumentieren. Ein Jahr später folgt das Archiv, das später zur LIESELLE wird.

Ursprünglich als Frauenarchiv ins Leben gerufen und bezeichnet, entschied sich das Team 2023 für eine Umbenennung: Queer*Feministische Bibliothek und Archiv LIESELLE. Begüm K. erklärt: „Wir reflektieren regelmäßig, wen wir übersehen haben und wen wir einbeziehen müssen“. Auch Begüm hat an der Ruhr-Universität unter anderem Geschichte im Bachelor studiert und ist eine von aktuell fünf StudentInnen, die in der LIESELLE tätig sind. Mittlerweile studiert sie Arabistik und Islamwissenschaft sowie vergleichende Literaturwissenschaft im Master. Begüm betont: „Die LIESELLE geht mit den Diskursen mit – die Umbenennung war eine bewusste Entscheidung, um sich klar gegen trans-exklusive feministische Strömungen zu positionieren und queere Perspektiven sichtbarer zu machen.“

Eine künstlerische Arbeit aus dem Lateinamerika-Archiv (Foto: Lili Fox)

Ein bewegtes Archiv für bewegte Geschichte

Seit ihren Anfängen hat die Sammlung stetig an Umfang und Bedeutung zugenommen. Heute umfasst sie mehr als 11.000 Werke: historische Zeitschriften der autonomen Frauen*Lesbenbewegung, künstlerische Arbeiten, wissenschaftliche Arbeiten, Flugblätter, Veranstaltungsankündigungen und ein einzigartiges Lateinamerika-Archiv. Besonders bemerkenswert ist das FrauenLesbenRadio Funk’n Flug, eine digitalisierte Sammlung von 46 Audiokassetten aus den 1990er Jahren – ein akustisches Zeugnis der lesbischen Bewegung im Ruhrgebiet.

Einige Bestände sind besonders persönlich: Buchschenkungen stammen teilweise von Bekannten der Gründerinnen, die ihre eigenen Sammlungen an die LIESELLE weitergegeben haben. Für Begüm zeichnet diese Besonderheit die Dynamik der LIESELLE aus.

Ein Ort für Forschung, Aktivismus und Austausch

Die LIESELLE ist nicht nur Archiv, sondern auch ein politischer Raum, ein Ort für gelebte Bewegungsgeschichte und ein Spiegel der feministischen Kämpfe der letzten Jahrzehnte. Wer sich mit queer*feministischen Themen beschäftigen will, findet hier nicht nur Bücher, sondern auch lebendige Geschichte und Menschen, die feministisches Wissen bewahren und weitertragen.

Kooperationen mit dem atelier automatique oder der Oval Office Bar des Schauspielhaus Bochum bringen Archivmaterial in Ausstellungen und öffentliche Veranstaltungen ein. „Es ist uns wichtig, dass unser Archiv nicht nur als Lager verstanden wird“, sagt Begüm, „Es soll genutzt werden“. Die ständige Weiterentwicklung der LIESELLE beinhaltet außerdem das Sammeln von aktuellen Forschungsarbeiten und Literatur, die der Thematik neue Perspektiven verleihen – so können beispielsweise auch Abschlussarbeiten von Student*innen zur Erweiterung beitragen.

Bibliotheksteil der LIESELLE (Foto: Lili Fox)

Zukunftspläne und Herausforderungen

Ein Problem bleibt die langfristige institutionelle und finanzielle Absicherung. Die LIESELLE wird als Projekt des AStA geführt – von StudentInnen, die oft nur einige Jahre dabei sein können. „Wissenstransfer ist eine ständige Herausforderung“, erzählt Begüm. Auch spiegelt sich diese Dynamik in den Öffnungszeiten der LIESELLE wider: Sie ändern sich jedes Semester, da sie an die Stundenpläne der StudentInnen angepasst werden, die hier arbeiten. In der vorlesungsfreien Zeit erfolgt der Zugang per Terminvergabe, damit die Bestände trotz reduzierter Ressourcen zugänglich bleiben.

Ein damit einhergehendes Ziel: mehr Digitalisierung – mehr Zugänglichkeit. Der Bestand ist nicht in klassische Bibliothekskataloge integriert, sondern über den META-Katalog des Dachverband deutschsprachiger Frauen / Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen (i.d.a. Dachverband) auffindbar.

Kategorisierungssystem der LIESELLE (Foto: Lili Fox)

„Unsere Archivierung unterscheidet sich von klassischen Kategorisierungssystemen“, so Begüm, „Wir setzen Schwerpunkte, die in klassischen Archiven oft untergehen“. Projekte zur Digitalisierung, etwa über das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF), ermöglichen erste Schritte, doch ganzheitliche Lösungen fehlen bislang.

Mehr Digitalisierung des Archivs würde außerdem mehr Schutz für die physischen, teils einzigartigen Bestände bedeuten. Eine Herausforderung benennt Begüm klar: „Wie archiviert und digitalisiert man Materialien, die über klassische Bücher hinausgehen, etwa persönliche Notizen, handgeschriebene Kataloge oder künstlerische Arbeiten?“

Ein Ort, der Geschichten bewahrt – und weiterschreibt

Derzeit wird die LIESELLE hauptsächlich von StudentInnen und KünstlerInnen genutzt, aber sie steht allen offen. Für die Nutzung sind lediglich eine E-Mail-Adresse und ein Name zu hinterlegen. Die Kontaktaufnahme kann unkompliziert über Instagram oder die Website erfolgen. Die MitarbeiterInnen unterstützen zudem gerne bei der Literatursuche. Wer Material zu spezifischen queer*feministischen Themen benötigt, kann sich an sie wenden – sie helfen aktiv bei der Recherche in den Beständen.

Als Literaturempfehlung für EinsteigerInnen nennt Begüm „We Are Everywhere: Protest, Power, and Pride in the History of Queer Liberation“ sowie den neu erschienenen Sammelband „AktivistInnen im Archiv. Von den Anfängen der Frauenforschung bis zu queeren Interventionen“, herausgegeben von Katja Teichmann, die selbst seit 2014 in der Queer*Feministischen Bibliothek und Archiv LIESELLE engagiert ist. Ein Werk, das Einblicke in feministische Archivarbeit bietet und verdeutlicht, warum es Räume wie die LIESELLE auch in Zukunft braucht.

LINKS:

Quelle: Interview mit Begüm K.

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Ein interkultureller Abend für alle: Iftar an der Ruhr-Universität Bochum

Beitrag: Nele Hülshorst | Titelbild: Nele Hülshorst

An einem Abend zum Ende des Wintersemesters erstrahlte die Hauptmensa an der RUB in einem besonderen Glanz. Die Tische standen in Reihen angeordnet, mit Plätzen für jeweils acht Personen. Gedeckt waren sie mit blauen Servietten aus schwerem Stoff, Weingläsern, Wasserflaschen und süßen Vorspeisen. Diese, für mich zumindest, ungewohnte Erscheinung der Mensa hatte einen besonderen Anlass, denn der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) und das Autonome Ausländer:innen Referat (AAR) luden zum 16. Mal zum Interkulturellen Abendessen ein. Es wurde Iftar gefeiert, das allabendliche Fastenbrechen im Ramadan. Ich habe daran teilgenommen und lade euch hiermit ein, diesen Abend mit mir Revue passieren zu lassen.

Hunger und Erwartungen

Ich kam an diesem kühlen Frühjahrsabend an der RUB an und traf mich mit meiner Freundin Alina, die ebenfalls an der RUB studiert und mich zum interkulturellen Abendessen begleitete. Es war ein windiger und kalter Tag, weshalb wir direkt die Mensa ansteuerten. Und wir waren bei weitem nicht die einzigen mit diesem Ziel.

Vor dem Seiteneingang zur Mensa hatte sich bereits eine Schlange gebildet. Viele (vermutlich) Hungrige warteten auf Einlass. Im Flur, direkt neben der Tür, stand ein Tisch, an dem zwei Helfer:innen zunächst die Tickets einscannten und weiße Bändchen aushändigten, die sofort den Weg an unsere Handgelenke fanden. Eine Abendkasse gab es nicht. Seit ein paar Jahren werden die Tickets, zwecks besserer Planung und der Vermeidung von Lebensmittelverschwendung, nur noch im Vorverkauf vertrieben.

Wir waren beide sehr gespannt, was dieser Abend für uns bereithielt. Ich hatte zudem ordentlich Hunger mitgebracht, weil ich das Mittagessen ausgelassen hatte. Mir drängte sich der Gedanke auf, dass viele Anwesende heute wahrscheinlich noch gar nichts gegessen oder getrunken hatten. Als nicht-gläubiger Mensch habe ich selbst Fasten bisher nur als Abnehm-Trend am eigenen Leib erfahren, nicht aber als religiöse oder spirituelle Praktik.

Mit unseren Bändchen am Handgelenk ging es zunächst in den Kassenbereich, wo sich kleine Grüppchen sammelten. Wie wir feststellten, wurden nämlich nur vollständige Gruppen, die zusammen am Iftar teilnehmen wollten, zu ihren Plätzen im Essenssaal geführt. Da wir nur zu zweit waren, nutzten wir die erhöhte Position des Kassenbereichs nur kurz, um die Mensa in ihrem Festgewand zu betrachten.

Vorfreude und Festtagsglanz

Nachdem wir von einem weiteren Helfer zu einem Tisch gebracht wurden, setzten wir uns an die Fensterplätze des Tischs. Ich ließ den Blick schweifen, noch war die Mensa größtenteils leer. Der Himmel draußen zeigte sich wolkenverhangen.

Alina und ich kamen ins Plaudern und unterhielten uns über allerlei, was uns in der vorlesungsfreien Zeit beschäftigt hatte – Hausarbeiten und Prüfungen hielten uns in Atem. Die Speisekarte des heutigen Abends wurde auch schnell Thema. Es gab drei Gänge, jeder Gang bot auch eine vegane Option. Darüber freute sich Alina als langjährige Veganerin besonders, aber auch ich als Omnivore hatte es nicht schwer, mich zu entscheiden. Kürbiscremesuppe, Süßkartoffel-Paprikacurry mit Reis und dunkle Mousse au Chocolat – lecker und bis auf den Nachtisch alles vegan.

Die vollbesetzte Mensa | Foto von Nele Hülshorst

Während wir versunken in unser Gespräch und die Auswahl des Essens waren, füllte sich unser Tisch und auch der gesamte Essenssaal sehr zügig, sodass nach circa einer Stunde alle Tische besetzt waren. Auf Anfrage wurde mir mitgeteilt, dass sich an diesem Abend um die 900 Besucher:innen zum Iftar getroffen und zusammen gefeiert haben. Der Raum füllte sich nicht nur mit Menschen, sondern auch mit dem Geruch warmer Speisen. Es roch nach einer Mischung aus herzhaft und fruchtig, fast süßlich. Eine Beschreibung fiel uns schwer. Ist das etwa Zimt? Oder Ingwer? Wir waren uns in jedem Falle einig, dass dieser fantastische Geruch dem Hunger nun jede Tür geöffnet hatte und das Magengrummeln nicht mehr zu verhindern war.

Der Himmel war in der Zwischenzeit aufgeklart. Die Lichtstimmung, die durch einen goldenen Sonnenuntergang, draußen wie auch in der Mensa, erzeugt wurde, verlieh dem Ganzen ein zusätzliches, feierliches Leuchten. Die Geräuschkulisse war ein großes Gemurmel unterschiedlicher Sprachen und geselligem Lachen.

Beten und Besinnlichkeit

Als dann ein junger Mann das Wort ergriff und sich, durch ein Mikrofon verstärkt, an die Menge wandte, ergriff eine freudig gespannte Stille den Raum. Im Namen der veranstaltenden Organisationen wurden wir begrüßt und kurz in den Ablauf eingewiesen. Die Tische seien in Gruppen zusammengefasst, die aufgerufen werden, wenn sie sich zum Buffet begeben dürfen. Auf diese formale Ansprache folgte ein gesungenes Gebet. Die Stimmung war andächtig. Alle Anwesenden ruhten in sich, lauschten den arabischen Worten und der musikalischen Begleitung.

Eine interkulturelle Mensa-Erfahrung

Darauf folgte das Fastenbrechen. Die plötzliche Bewegung im ganzen Raum ließ das vorangegangene Prozedere wirken, wie die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Die ersten Tischgruppen standen auf und gingen zur Essensausgabe. An unserem Tisch wurden die Wasserflaschen geöffnet und die Gläser befüllt. Die Datteln und Baklava haben wir erstmal links liegen lassen. Als unser Tisch aufgerufen wurde, gingen wir zum Buffet und holten uns unsere drei Gänge.

Das war, entgegen allem anderen an diesem Abend, eine typische Mensa-Situation: das Essen wird aus großen metallenen Wärmebehältern auf weiße Teller geschaufelt, viele Leute mit Tabletts in langen Schlangen, manche laufen etwas verwirrt und mit suchendem Blick durch die Gegend. Wieder an unserem Tisch angekommen, konnten wir schlemmen und dem Magengrummeln ein Ende setzen.

Das gemeinsame Essen

Die meisten an unserem Tisch starteten mit der Kürbissuppe. Von den Schalen und Löffeln stieg leichter Dampf auf, der verriet, wie heiß die Suppe war. Ich hörte überraschte Ausrufe, als einige am Tisch entdeckten, dass unten in die Tasse Kürbiskerne eingestreut waren. Das Curry mit seinen verschiedenen Gemüsesorten erfreute sich bei Alina und mir besonderer Beliebtheit. Die Gemüsestückchen waren nicht verkocht, sondern hatten noch Biss. Die Mousse au Chocolat zum Abschluss hat mich ebenfalls begeistert. Die leichte Bitterkeit der dunklen Schokolade war nach dem würzigen Curry genau das Richtige. Nachdem alle Nachtische verputzt waren, stellte sich zum Teil schnell Aufbruchsstimmung ein. An unserem Tisch standen die anderen Personen fast sofort nach dem Essen auf und brachten ihre Tabletts zu den Servierwagen.

Wir blieben noch etwas sitzen und ich blickte erneut durch den Saal und über die verbliebenen Menschen, die zusammen lachten und eine schöne Zeit zu verbringen schienen. Draußen war es inzwischen dunkel geworden.

Nachdem Alina und ich uns noch an den übrigen Baklavas und Datteln gütlich getan hatten – ein Nachtisch nach dem Nachtisch quasi – haben wir uns auf den Heimweg gemacht. Auf dem Weg nach draußen sind wir auch an der Gebetsecke für die Frauen vorbeigekommen, die gerade auch von einigen genutzt wurde. Beim Blick durch das Fenster, wo man sonst die langen Tischreihen der etwas höher gelegenen Plätze in der Mensa sehen kann, konnte man nun eine freie Fläche erspähen. In der Mitte waren Tücher oder Decken ausgebreitet. Um diese herum standen mehrere Frauen und beteten mit den Händen vor der Brust. Entgegen unserer Neugierde wendeten Alina und ich unsere Blicke wieder nach vorn in Richtung des Treppenaufgangs. „Mich würde ja schon interessieren, wie so ein Gebet abläuft“, sagte ich zu Alina, die mir prompt zustimmte und lachend einwarf: „Aber da jetzt am Fenster zu stehen und zuzuschauen ist super respektlos.“ Ich lachte und nickte. Dabei denke ich darüber nach, wie man auf eine respektvollere und wertschätzende Art und Weise unsere interkulturelle Neugierde stillen könnte.

links Baklava, ein süßes Blätterteiggebäck mit Pistazien; rechts Datteln | Foto von Nele Hülshorst

Warum ein solcher Abend wichtig ist

Das Interesse an einer derartigen Veranstaltung an der RUB ist ungebrochen groß. Wie mir berichtet wurde, blieben die Zahlen über die letzten Jahre weitestgehend konstant. So haben sich im letzten Jahr circa 1000 Leute versammelt, um zusammen das Fasten zu brechen.

Auch wenn es beim Fastenbrechen um eine islamische Tradition geht, sind Menschen aller Glaubensrichtungen willkommen. Nach Angaben des AStA ist das interkulturelle Abendessen die größte Veranstaltung dieser Art auf unserem Campus und bildet einen festen Bestandteil des (inter-)kulturellen Lebens an der RUB. Das gemeinsame Essen bietet Raum für Austausch zwischen Student:innen, Angehörigen der Universität und allen anderen interessierten Besucher:innen.

Mir ist es wichtig, nochmal hervorzuheben, dass die Interkulturalität an diesem Abend nicht durch die Veranstalter:innen hervorgebracht wird, sondern durch die Teilnehmenden. Der Austausch mit anderen kann nur stattfinden, wenn ich selbst dazu bereit bin. Mit diesem Wissen werde ich im nächsten Jahr wieder am interkulturellen Abendessen teilnehmen. Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass ich die Atmosphäre an dem Abend sehr genossen habe. Auch den geneigten Leser:innen empfehle ich einen Besuch.

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