Billie, du und der Psychoterror – Warum es gegen Mobbing kein Gesetz gibt

Im Fadenkreuz von Psycho Terror | Foto: Tumisu @ pixabay

Ein Feature von Lucie Dieckmann

An der Ruhr-Universität Bochum gibt es weiterhin keine Beratungsstelle, die sich explizit mit Mobbing auseinandersetzt und keine*n Mobbingberater*in. Dabei betrifft Mobbing am Arbeitsplatz laut dem Mobbing Report (2002) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 1,053 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland.

Aber wohin sollen Mobbingopfer an der RUB gehen? Und was kostet uns Mobbing persönlich?

Am Morgen zur Arbeit. | Foto: jacek_osinski @ pixabay

Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich dir die fiktionalisierte Geschichte von Billie M. erzählen. Billie M. ist eine 27-jährige Person, die gerade aus dem Studium kommt und eine sehr gute Stelle in einem netten Unternehmen gefunden hat. Die Stelle ist perfekt und entspricht genau den Interessen und Zielen für die Zukunft von Billie. Dieser Einstieg soll der nächste Schritt auf dem Weg zum Traumberuf sein. Seit der Kindheit ist dieser Traumberuf das eine ausgemachte Ziel. Auf der Arbeit wurden Billies Fähigkeiten zunächst geschätzt und die Einarbeitung ins Team funktionierte hervorragend. Doch aufgrund von Personalmangel teilte der Vorgesetzte Billie eine neue, komplexere Aufgabe zu. Dadurch entstanden kleinere Fehler. Das zwang die Leitung zu häufigeren Kontrollen und verlangsamte die Arbeit des Teams. Der Vorgesetzte erwartet gute, schnelle und verlässliche Arbeit und war frustriert, da Billie nicht mehr leistete. Hier kommt es in Billies Fall zur Konfliktphase. Laut Karrierbibel.de, die erste von vier Mobbingphasen. Es kommt zu einem geringen Konflikt, wie dem Fehler, welcher ohne Klärung zu steigenden Spannungen im Team führt. In der zweiten Mobbingphase entwickeln sich diese Spannungen dann zu Mobbing. Das Mobbing gegen Billie passierte zunächst in Form von Bloßstellen vor der Arbeitsgruppe, mit Kommentaren wie „sowas hätten studierte Menschen doch wohl hinbekommen“. Es folgten Aufgaben, die weit unter dem Kompetenzbereich lagen, wie etwa Kopieren und Einordnen und Abheften von Unterlagen. Das würde nicht zu schwer sein, hieß es. Diese Aktionen wurden immer häufiger, sodass Billie an sich zu zweifeln begann, die eigene Kompetenz in Frage stellte und Magenschmerzen bekam, wenn der Wecker morgens klingelte. Dies ist die Eskalationsphase, in der die Opfer erste Effekte spüren, wie Angst vor der Arbeit und Ess-/ Schlafstörungen. Viele entwickeln auch Depressionen, die bis hin zu Suizidgedanken führen. Die Opfer erleiden einen psychischen Terror, der langsam und allmählich ihr Selbstbewusstsein zerstört. In der letzten Phase folgt das Ausgrenzen. Billie wurden immer wieder Termine nicht weitergegeben, man verweigerte Gespräche und letztendlich behandelte man Billie wie Luft. Die Grüße am Morgen blieben aus und die Leute hörten auf zu reden, wenn Billie in der Nähe war. Dies passiert über Wochen bis Billie es nicht mehr schafft, sich zum Aufstehen zu motivieren und darüber nachdenkt, den Job aufgrund des Drucks zu kündigen.

Am Abend zurück nach Hause. | Foto: xegxef @ pixabay

Mobbing hat System, Methode und Intention und geschieht über einen längeren Zeitraum.

Halt! Spulen wir zurück zum Anfang und betrachten wir dieses Fallbeispiel erneut. Was an diesem Fallbeispiel genau ist nun Mobbing? Die Antwort mag vielen jetzt intuitiv einfallen. Aber in Deutschland gibt es keine einheitliche Definition von Mobbing. Magrit Löbner, Professorin für psychische Gesundheit in der Arbeitswelt am Uniklinikum Leipzig, definiert Mobbing für Deutschlandfunk Kultur wie folgt: „Von Mobbing sprechen wir immer dann, wenn über einen längeren Zeitraum wiederholt negative Verhaltensweisen gegenüber einer Person am Arbeitsplatz gezeigt werden, mit dem Ziel, sie zu schikanieren, bloßzustellen“. Dennoch muss klar zwischen Mobbing, einfachen Meinungskonflikten und Diskriminierung unterschieden werden. Diskriminierung kann ein erschwerender Faktor beim Mobbing sein. Wenn Mobbing-Angriffe gegen die Religion, die Sexualität, das Geschlecht oder das Alter gerichtet sind, dann spricht man von Diskriminierung. Mobbing an sich definiert sich aber anders und ist eine gezielte, regelmäßige Schikane, die von einer Person oder einer Gruppe ausgeht und den Zweck hat, den Betroffenen zu erniedrigen, zu demütigen und zu schikanieren.

„Es liegt in der Natur des Menschen, seine Position in der Gruppe zu behaupten.“

Oberberg, M. Mobbing wirksam beenden: Der praxisnahe Leitfaden zur Befreiung. [E-Book]. Abgerufen von https://www.mobbing-beenden.de/ebook/

Mobbing hat unterschiedliche Formen. In Billies Fall liegt die Form Bossing vor. Bossing bedeutet, dass das Mobbing vom Vorgesetzten ausgeht und Mitarbeiter*innen trifft. Außerdem können sich Arbeitnehmer*innen untereinander mobben oder Mitarbeiter*innen mobben, ihren Chef, Staffing. Aber woher kommt Mobbing eigentlich? Warum tun Mobber*innen dies? Was ist deine intuitive Antwort? Weil die Mobberin / der Mobber ein „Arsch“ ist oder nichts Besseres zu tun hat. Die Psychologie bestätigt unzählige, weitere Gründe, wie Langeweile, unklare Rollenverteilung, persönliche Unsicherheit, geringe Sozialkompetenz und Machtgefälle, die Mobbing begünstigen. Markus Oberberg verweist auf Neid und Statuskampf als wichtige Täter*innen-Motive. Er schreibt, unterbewusst sieht die Mobberin / der Mobber im Opfer jemanden, der ihm den Glanz nimmt und die Macht streitig macht oder ein Störfaktor ist. Sie / Er kennt den wunden Punkt des Opfers, den Fehler, den es gemacht hat, und nutzt diesen aus, um seine eigene Macht dem Opfer und dem Team gegenüber zu behaupten.

„Beschwerderecht: Betroffene Arbeitnehmer dürfen sich offiziell beim Arbeitgeber über Mobbing beschweren.“

Karrierebibel.de
Zuhause sein. Hilfe finden. | Foto: atanaspaskalev @ pixabay

Also, was soll Billie jetzt gegen Mobbing tun? Lass mich dich fragen. Was würdest du tun? Wenn deine Antworten beinhalten, zu diskutieren, sich selbst die Schuld zu geben, nett oder auch aggressiv zu sein, dann kann ich nur sagen: Gut gedacht, aber schlecht gemacht. Aus verschiedenen Gründen empfiehlt Markus Oberberg keine dieser Reaktionen. Sonst macht man sich im Team Feinde oder die Attacken werden schlimmer. Aber was empfiehlt der Mobbing-Experte? Erstens: sich beherrschen. Billie muss ruhig bleiben und ehrliche Gleichgültigkeit ausstrahlen. Die Attacken sollen keinen Effekt mehr auslösen. Zweitens, Billie muss sich absichern. Hier kann ein Tageskalender oder ein Mobbingtagebuch helfen, welches Datum, Zeit, Zeugen und die Aussagen genau wiedergibt. Damit die/der Täter*in die Wahrnehmung der Realität des Opfers nicht im Nachhinein mit falschen Behauptungen verwirren kann, Gaslighting. Billie muss prüfen, ob die Kritik gerechtfertigt ist. Denn man soll sich nicht in die Defensive zwingen lassen. Egal, wie ehrlich manche Kritik sein kann. Bei verbalen Attacken kommt es nicht auf den Inhalt an. Stattdessen lenkt falsche Kritik von der Tat ab. Billie muss mutig sein und sich wehren. Ein Vier-Augen-Gespräch mit der mobbenden Person und die Frage, warum diese sich so verhält, können helfen, Attacken zu beenden. Wenn nichts hilft, kann man sich Unterstützung von Freunden und Bekannten, Beratungsstellen für Mobbing oder Anwält*innen für Arbeitsrecht suchen.
Eins ist klar: Mobbing ist durch Prävention, themenspezifische Beratung und eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema lösbar.

Für weitere Tipps und Tricks zum Thema Mobbing empfehle ich folgende Hinweise:

Antidiskriminierungsstelle an der RUB

Zentrales Gleichstellungsbüo
Universitätsstraße 150
44801 Bochum
Kontakt: gleichstellungsbuero@rub.de
Telefon: +49 234 / 32-27837

Erste Anlaufstelle für Studierende

Beratungsangebote der RUB

Rechtsberatung gegen Machtmissbrauch an NRW-Hochschulen

Lesehinweis: Oberberg, M. Mobbing wirksam beenden: Der praxisnahe Leitfaden zur Befreiung. [E-Book]. Abgerufen von https://www.mobbing-beenden.de/ebook/