„Sie schauen uns an wie ein Schwarz-Weiß-Foto“

Ein Feature von Aimon-Silaskaja Beetz

Das Thema Antisemitismus schafft es regelmäßig ins öffentliche Bewusstsein. Jüdisches Leben hingegen findet selten in der Öffentlichkeit statt. Auch jüdische Studierende an der RUB sind weitgehend unsichtbar – das muss aber nicht so bleiben.

Zwischen zwei Vorlesungen steht eine Gruppe Studierender vor dem Gebäude. Einige rauchen, andere essen etwas, es wird geredet und gelacht. Ein Handy klingelt. Einer der Studenten greift danach, schaut auf den Bildschirm, runzelt die Stirn. Er geht einen Schritt zur Seite, nimmt den Anruf an. Sein Gesicht hellt sich auf, und als er sich weiter von der Gruppe entfernt, sagt er fröhlich: „Shalom, Rabbi!“. Noch während er diese Worte spricht, zieht sich in ihm alles zusammen. Er merkt die verwirrten Blicke in seinem Rücken, hinter ihm scheint sich eine ohrenbetäubende Stille auszubreiten. Sie übertönt die Stimme aus dem Telefon, schlingt sich um seinen Hals, drückt ihm die Luft aus der Lunge. Wie konnte er nur so unvorsichtig sein?

Antisemitismus ist mehr als Gewalt

Gebetsbuch, Kippa und Davidstern bleiben im Rucksack | Foto: Aimon-Silaskaja Beetz

„Bisher hat mich glücklicherweise niemand körperlich wegen meines Jüdischseins angegriffen. Aber Antisemitismus erlebe ich jeden Tag“, erzählt der Student, der im Folgenden Ilan heißen soll. Wie alle für diesen Text Interviewten möchte er anonym bleiben. Bundesweit zählte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus e.V. (RIAS) zuletzt durchschnittlich 24 antisemitische Vorfälle pro Tag. An der RUB berichten Studierende vor allem von antisemitischen Graffiti und Stickern sowie verbalen Anfeindungen. Doch offene Feindseligkeiten machen nur einen Bruchteil der Erfahrungen jüdischer Studierender aus. „Antisemitismus sind vor allem Stereotype, Unwissen oder Vorurteile im Alltag, das ist nicht zwingend böse gemeint“, erklärt Miriam, die an der RUB zu jüdischer Geschichte forscht. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten Menschen kaum Berührungspunkte mit dem Judentum haben. Vorträge und Bildungsangebote beziehen sich meist auf Antisemitismus oder jüdische Geschichte. Das zeitgenössische Judentum ist für viele ein mystischer Nebel, den sie aus sicherer Entfernung mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen beobachten.

Ein freundliches Einhorn

Die meisten Reaktionen auf ein Outing sind nicht böse gemeint | Grafik: Aimon-Silaskaja Beetz

Sich als jüdisch erkennen zu geben, so beschreibt es die Medizinstudentin Lea, fühlt sich an, als wäre sie ein Einhorn, das aus diesem Nebel hervortritt. Die Wenigsten wollen Einhörner jagen, die meisten wollen sie bestaunen, haben aber gleichzeitig Angst, sie zu verscheuchen. Auch Ilan kennt das Gefühl: „Die Leute schauen ihr ganzes Leben lang auf uns wie auf ein Schwarz-Weiß-Foto und dann merken sie plötzlich: Uns gibt es wirklich.“ Viele Menschen sind erst einmal verunsichert, wollen nichts Falsches sagen, reagieren abweisend und distanziert. Nach einer Weile siegt die Neugier, eine unbändige Flut an Fragen durchbricht die Stille. Viele dieser Fragen sind harmlos, stammen aus ehrlichem Interesse an der jüdischen Kultur und Religion, andere sind taktlos bis übergriffig. Trotzdem versuchen sie, alle Fragen geduldig zu beantworten und den Leuten ihre Berührungsängste zu nehmen. „Neugier ist wichtig, um Gespräche und Raum zu schaffen, auch um Vorurteile abzubauen“, erklärt Hanna, eine ehemalige Studentin. „Es bringt nichts, wenn alle nur lesen, dass Antisemitismus schlecht ist. Sie müssen das auch von Betroffenen hören, damit sie uns verstehen.“ Außerhalb der Gemeinden gibt es nur wenig Räume, in denen jüdische Personen ‚normal‘ genug sind, um diese anstrengende Aufklärungsarbeit nicht ständig leisten zu müssen.

Räume schaffen und Brücken bauen

GESH-Stand bei der jüdischen Campuswoche 2025 | Foto: Aimon-Silaskaja Beetz

Deshalb hat Hanna mit einigen Freund*innen die jüdische Hochschulgruppe GESH gegründet. Der Name leitet sich vom hebräischen Wort ‚Gesher‘, Brücke, ab. GESH soll junge Jüd*innen vernetzen, die sich oft in ihren früheren Gemeinden nicht mehr aufgehoben fühlen, indem sie Begegnungen außerhalb religiöser Anlässe ermöglicht. Außerdem informieren verschiedene Gemeinden dort über ihre Veranstaltungen, sodass die Studierenden auch in andere Gemeinden ‚reinschnuppern‘ können. Ein Ende der Brücke führt aber auch in die Gesellschaft. Nichtjüdische Interessierte können über GESH einen Einblick in jüdisches Leben bekommen, an Vorträgen oder Workshops teilnehmen und ihre Berührungsängste schrittweise ablegen. Dafür veranstaltet GESH seit 2021 regelmäßig Aktionen wie die jüdische Campuswoche, wo sie beim Essen oder Spielen ganz niedrigschwellig Einblicke in die jüdische Kultur geben – auch allen, die wirklich gar nichts übers Judentum wissen. Inzwischen hat Hanna die Organisation in die Hände der nächsten Generation Studierender gegeben. Sie engagiert sich trotzdem weiter für politische Bildung:

„Es ist wichtig, dass wir für uns selbst einstehen und laut sind, aber es ist auch wichtig, dass andere Leute für uns laut sind, weil wir alleine schaffen es halt einfach nicht.“

Wer nicht bis zur nächsten Veranstaltung warten, sondern das eigene Wissen übers Judentum direkt auffrischen will, kann beispielsweise auf das Projekt „Jüdische Perspektiven sichtbar machen“ vom Center for Religious Studies (CERES) zurückgreifen, oder auf eine der Fragen im Kasten Links klicken. Und wenn sich eine Person aus eurem Umfeld als jüdisch outet: cool bleiben. Niemand erwartet, dass ihr perfekt Bescheid wisst – nur, dass ihr euer Gegenüber weiter als Menschen behandelt.

Hinweis: Alle im Text genannten Namen wurden zum Schutz der Personen von der Redaktion geändert.

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Wo Geschichte lebendig wird: Die Antikensammlung am Campus der RUB

Rezension von Duygu Eliz Bayram

Die Kunstsammlungen der RUB bestehen seit 1975 und sind an zwei Orten beheimatet: Während die Standorte Situation Kunst und das Museum unter Tage im Schlosspark Weitmar liegen, findet ihr das antike Herzstück direkt auf dem Campus. Im Gebäude der Universitätsbibliothek, gegenüber dem Audimax, könnt ihr eine faszinierende Zeitreise von den Wurzeln der Antike bis zur Moderne erleben.

Die Antikensammlung

Hier erwartet euch die größte Sammlung im gesamten Ruhrgebiet. Ihr findet dort eine beeindruckende Bandbreite an Kunst- und Gebrauchsobjekten, die den antiken Alltag begleitet haben – von Kelchen und Münzen bis hin zu Waffen. Besonders sehenswert sind die Skulpturen und Büsten aus Marmor und Bronze, bei denen ihr berühmten Persönlichkeiten wie Aristoteles oder Marc Aurel quasi Auge in Auge gegenübersteht.

Dabei handelt es sich bei den Statuen um hochwertige Gipsabgüsse weltberühmter Meisterwerke, die es erlauben, die Highlights der Antike an einem Ort zu studieren, während die vielen Kleinfunde – wie Münzen und Vasen – echte Originale aus der Zeit sind.

Reise in die Antike

Die Antike ist weltgeschichtlich eine der wichtigsten Epochen. Sie war für die Entwicklung der Wissenschaften, wie wir sie heute kennen, von großer Bedeutung, und dennoch beschäftigen sich heute eher wenige Menschen mit ihr. Dabei hat sie unsere Gegenwart maßgeblich beeinflusst – das könnt ihr sogar an euren eigenen Liebesgedichten oder dem nächsten Kinodrama merken, deren Gattungen hier ihren Ursprung haben.

Denn auch sie hat unsere Gegenwart maßgeblich beeinflusst. So legten beispielsweise antike Gedichte die Grundlage für bekannte Gattungen wie Liebesgedichte, Dramen und Komödien. Und auch für die bildende Kunst stellt die Antike einen Höhepunkt dar, denn die Menschen sehnten sich nach Ästhetik und das spiegelt sich in ihrer Kunst und in ihrem Alltag wider. Viele Alltagsgegenstände wie Kelche, Töpfe und Münzen, die ihr auch in der Kunstsammlung finden könnt, waren verziert. Die Verzierungen reichten bei den Kelchen von einfachen Farbgestaltungen bis hin zu Darstellungen von Tieren, Kriegern und Reitern. Auch plastische Verzierungen, wie Töpfe mit Tierkopfgriffen, sogenannte Tiergefäße, könnt ihr in der Kunstsammlung betrachten. Die Münzen der Antike sind mit Portraits versehen, die deutlich aus der Münze hervortreten. 

Kunstsammlungen Antike, Foto: Lutz Leitmann
Rekonstruktion der Polyphem-Gruppe aus Kunstmamor, Foto: M. Benecke

Mythologie hautnah 

Wenn du Mythologie-Fan bist, solltest du direkt am Eingang stoppen: Dort erwartet dich eine monumentale Skulpturen-Gruppe, die eine Szene aus der Odyssee zum Leben erweckt. Durch ihre Größe und prägnante Figurenkonstellation hat diese Gruppe einen bleibenden Charakter und bildet die perfekte Eröffnung der Kunstsammlung der RUB. Die Szene gehört zu den bekanntesten der Odyssee. Diese Konstruktion schafft es, die mythologische Geschichte von Odysseus und Polyphem künstlerisch zum Leben zu erwecken. Der erste Blick fällt auf den Riesen, der mit seiner Größe deutlich aus der Figurengruppe hervorsticht und von Odysseus und seinen Gefährten mit einem glühenden Pfahl geblendet wird. Mithilfe der lebhaften Darstellung der Angriffsszene wirkt das Werk eher wie ein monumentales, erstarrtes Bühnenbild als ein klassisches Kunstwerk aus Stein. Als würden die Skulpturen jeden Moment zum Leben erwachen. 
Aus der Nähe werden die expressiven und emotional aufgeladenen Gesichtsausdrücke der einzelnen Figuren deutlich. 

Falls die Mythologie für dich Neuland ist, wirst du mithilfe der Kurztexte umfassend über das Werk informiert und wichtiges Hintergrundwissen wird vermittelt. Die Mitarbeiter*innen der Kunstsammlung stehen dir jederzeit für Fragen zur Verfügung. 

Falls ihr noch keine Pläne habt und euch eine Zeitreise in eine der wichtigsten Epochen der Welt- und Kunstgeschichte anspricht, seid ihr herzlich in die Kunstsammlung der RUB eingeladen. Nicht zu vergessen: Der Eintritt zur Kunstsammlung ist kostenlos. Schnappt euch ein paar Freunde oder kommt allein – egal wie ihr euch entscheidet: Ein Besuch in der Kunstsammlung lohnt sich immer.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11-17 Uhr.

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„Natürlich kann man nicht plötzlich die Welt verändern, aber man hat einen ersten Ansatz!“

Ein Bericht von Greta Tripp

Im Jahr 2025 waren 117,3 Mio. Menschen weltweit auf der Flucht, viele, weil ihre Menschenrechte in ihrer Heimat beschnitten wurden. Zahlreiche Organisationen stehen für die Rechte dieser Menschen ein, darunter auch Amnesty International, die unter anderem in Bochum und an der RUB aktiv sind.

Amnesty International ist eine NGO (Nichtregierungsorganisation), deren Mitglieder sich seit den 60er Jahren weltweit für das Recht auf freie Meinungsäußerung einsetzen und das Ziel haben, auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen. Dabei fokussieren sie sich besonders auf Einzelfälle und setzen sich somit für spezifische Personen ein, welche aufgrund ihres politischen Engagements und freier Meinungsäußerung inhaftiert wurden.

Was macht Amnesty International?

Die Arbeit von Amnesty International stützt sich dabei auf zwei Säulen. Die erste Säule bildet die Recherchearbeit, welche vor allem in den Sekretariaten, etwa in London oder Berlin, stattfindet. Dort werden Informationen zu Menschenrechtsverletzungen gesammelt. Amnesty International kann dabei, nach eigener Aussage, als vertrauenswürdige Quelle betrachtet werden, weil sie aufgrund ihres Status als NGO von keiner Regierung abhängig ist. Die zweite Säule stellt die tatsächliche Öffentlichkeitsarbeit dar, welche durch kleinere ehrenamtliche Gruppen, so zum Beispiel die Hochschulgruppe in Bochum, geleistet wird.

Amnesty in Bochum

Die Amnesty International Hochschulgruppe Bochum plant und führt verschiedene Projekte durch, welche auf den Gruppentreffen geplant werden. So gibt es etwa Infostände, beispielsweise anlässlich des Weltfrauentags, und verschiedene Petitionen, welche die Freilassung von Inhaftierten bewirken sollen. Dasselbe Ziel verfolgt ebenfalls der sogenannte „Briefmarathon“, eine Aktion anlässlich des Tags der Menschenrechte (jährlich am 10.12.) bei der Schüler*innen Briefe schreiben, die eine behördliche Aufmerksamkeit erzeugen sollen.

Amnesty Kunstauktion 2022, © Foto: Amnesty International Bochum
Stand der Amnesty International Bochum Gruppe anlässlich des Weltfrauentags 2026, © Foto: Greta Tripp

Durch diese Aufmerksamkeit wird zwar oft keine Freilassung bewirkt, in vielen Fällen kann aber zumindest eine Verbesserung der Haftumstände erreicht werden. Zudem führt die Hochschulgruppe Bochum, in Kooperation mit der Amnesty Gruppe in Bochum-Gehrte, jährlich eine Kunstauktion durch. Bei dieser werden gespendete Kunstwerke von Bochumer*innen und überregionalen Künstler*innen versteigert. Der Profit dieser Auktion hilft Amnesty, ihre Arbeit oder juristischen und medizinischen Beistand für Inhaftierte zu finanzieren.

Einzelfallarbeit

Aktuell arbeitet die Hochschulgruppe Bochum an zwei spezifischen Einzelfällen.

Sulaimon Olufemi, ein Nigerianer, welcher in Saudi-Arabien 2005 nach einem unfairen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt wurde, und Matsumoto Kenji, ein Japaner, welcher trotz einer geistigen Behinderung seit 1993 im Todestrakt eines japanischen Gefängnisses sitzt. Amnesty International positioniert sich gegen die Todesstrafe.

Mach mit!

Willkommen sind in der Bochumer Hochschulgruppe nicht nur Studierende, sondern alle Interessierten, die sich ehrenamtlich engagieren wollen.

Die meisten Mitglieder sind ehemalige Studierende der Ruhr-Universität Bochum, so etwa Martha Müller-Bennet, welche bereits seit 1978 bei Amnesty aktiv ist. Sie ist früher wie heute stolz auf ihre Arbeit und froh, sich für Gerechtigkeit einsetzen zu können, da sich ihrer Meinung nach seit dem Beginn ihres Engagements „ja nichts verbessert hat“, dennoch sei es „schwierig, junge Menschen zu finden, die sich [bei Amnesty International] einbringen wollen“. Sie glaubt allerdings nicht, dass dies auf fehlende Motivation oder Anteilnahme junger Erwachsener zurückzuführen sei. Eine Online-Befragung der Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB aus dem Jahr 2024 zeigt: „Mehr als zwei Drittel der jungen Menschen in Deutschland engagieren oder engagierten sich für das Gemeinwohl.“ Es ist jedoch zu beachten, dass nur 12 bis 24 Prozent der jungen Menschen bei Initiativen und Projektgruppen aktiv sind. Ein weiteres Mitglied der Hochschulgruppe beschreibt, dass das Engagement bei Amnesty ihm etwas Hoffnung gibt: „Natürlich kann man nicht plötzlich die Welt verändern, aber man hat einen ersten Ansatz, was man tun kann!“

Flyer von Amnesty Bochum, © Foto: Greta Tripp

Die Gruppe trifft sich jeden ersten und dritten Dienstag im Monat, abwechselnd online oder im Haus der Begegnung in der Nähe des Bochumer Hauptbahnhofs. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Schau doch mal vorbei!

Mehr Infos findest du auf der Website von Amnesty International Bochum.

Links:

https://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2024-02-22-sozialwissenschaft-mehr-als-zwei-drittel-der-jungen-menschen-sind-freiwillig-engagiert

https://bochum.amnesty-international.de/

https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/bevoelkerung-arbeit-soziales/bevoelkerung/Fluchtbewegungen.html?templateQueryString=menschenrechtsverletzungen

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